(Wien, 17-06-2026) Eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Wien zeigt, dass soziale Ausgrenzung bei Jugendlichen mit nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten messbare Auswirkungen auf Stressregulation und Aufmerksamkeitsprozesse hat. Nach experimentell herbeigeführter Zurückweisung wiesen die Jugendlichen eine anhaltend reduzierte Herzratenvariabilität auf – ein Hinweis auf eine verminderte regulative Fähigkeit des autonomen Nervensystems, Stressreaktionen zu regulieren. Gleichzeitig veränderte sich nach der sozialen Ausgrenzung die Art und Weise, wie Bilder mit Bezug zu Selbstverletzungen auf Social Media von betroffenen Jugendlichen wahrgenommen wurden. Die im Fachjournal Translational Psychiatry veröffentlichten Ergebnisse unterstreichen einmal mehr die Bedeutung von Schutzmaßnahmen im digitalen Raum.
Dass digitale Inhalte zu selbstverletzendem Verhalten bei betroffenen Jugendlichen den Drang zur Selbstverletzung triggern bzw. auslösen können, haben Forschende um Oswald Kothgassner von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien bereits in früheren Studien gezeigt. Unklar war bislang, welche Rolle soziale Stressoren wie Ausgrenzung, Zurückweisung oder Mobbing dabei spielen. Um dieser Frage nachzugehen, untersuchte das Forschungsteam 50 Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten ohne suizidale Absicht (NSSI = Nonsuicidal Self-Injury).
Im Rahmen eines Experiments wurden die Teilnehmer:innen nach dem Zufallsprinzip entweder in ein realitätsnahes Ballspiel eingeschlossen oder gezielt davon ausgeschlossen. Die daran anschließenden umfassenden Messungen und Erhebungen zeigen, dass soziale Ausgrenzung nicht unmittelbar zu einem stärkeren subjektiven Drang zur Selbstverletzung führte. Auf physiologischer Ebene wurde jedoch sofort ein deutlicher Effekt festgestellt: Sozial ausgeschlossene Jugendliche wiesen eine anhaltend niedrigere Herzratenvariabilität auf – ein Hinweis auf die verminderte regulative Fähigkeit des autonomen Nervensystems, auf Stressoren zu reagieren.
16 bis 22 Prozent der Jugendlichen betroffen
Die Folgen der beeinträchtigten Stressregulation wurden bei der Konfrontation mit Selbstverletzungsinhalten deutlich: Nach dem Betrachten von entsprechenden Bildern stiegen Stress und Drang zur Selbstverletzung bei den sozial ausgegrenzten Jugendlichen stärker an als bei den eingeschlossenen Studienteilnehmer:innen. Auch die Aufmerksamkeitsprozesse veränderten sich: Nach sozialer Ausgrenzung richteten Jugendliche ihren ersten Blick seltener auf Bilder mit Selbstverletzungsbezug. In einer späteren Reaktionszeitaufgabe zeigte sich jedoch, dass es ihnen schwerer fiel, die Aufmerksamkeit wieder von diesen Bildern zu lösen.
„Unsere Studie zeigt, dass soziale Zurückweisung nicht immer sofort bewusst als stärkerer Stress erlebt werden muss. Sie verändert aber messbar die körperliche Stressregulation und kann dazu beitragen, dass spätere Auslöser – etwa Bilder zu Selbstverletzung in sozialen Medien – stärker wirken“, fasst Erstautor Andreas Goreis von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien die Ergebnisse zusammen.
„Gerade nach Konflikten, Ausgrenzung oder Zurückweisung können belastende Online-Inhalte für Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten besonders problematisch werden“, sagt Studienleiter Oswald Kothgassner. „Prävention und Therapie sollten daher sowohl soziale Belastungen als auch den Umgang mit selbstverletzungsbezogenen Inhalten in sozialen Medien berücksichtigen.“ Zudem unterstreichen die Ergebnisse einmal mehr die Bedeutung von Schutzmaßnahmen im digitalen Raum.
Von nicht-suizidalem selbstverletzenden Verhalten sind internationalen Studien zufolge 16 bis 22 Prozent der Jugendlichen betroffen. Zu den häufigsten Methoden gehören Schneiden, Kratzen, Schlagen, Verbrennen der Haut und Beißen. Die Teilnehmer:innen der aktuellen Studie berichteten über durchschnittlich 115 Episoden innerhalb eines Jahres, das durchschnittliche Alter beim ersten Auftreten lag bei rund 12 Jahren.
Publikation: Translational Psychiatry
Social Exclusion Alters Attention and Autonomic Regulation in Adolescents with Nonsuicidal Self-Injury.
Andreas Goreis, Annika Lozar, Rosa List, Sofia-Marie Oehlke, Bettina Pfeffer, Karin Prillinger, Diana Klinger, Heidi Zesch, Peter B. Marschik, Laurence Claes, Paul L. Plener, Oswald D. Kothgassner.
doi:10.1038/s41398-026-04136-w
https://www.nature.com/articles/s41398-026-04136-w
Die Studie wurde im Rahmen des Projekts TORN durchgeführt und vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) gefördert: 10.55776/KLI963.